Als Fels in der Brandung zwischen von irgendwelchen Wokeness- oder Franchisewellen überspülten Etablissements liegt dieses Schmuckstück in bester Lage in den Suburbs Rosenheims.
Hinter zunächst eher unscheinbaren Türen verbirgt sich eine heutzutage nicht mehr selbstverständliche Welt:
Renate - Maître dhôtel und Chef de Rang in Personalunion - zaubert dir gekonnt mit wenigen Handgriffen jede erdenkliche Spirituose und umreißt währenddessen kurz den aktuellen Forschungsstand der Tiefenpsychologie, Finanzpolitik und Nanostrukturtechnik. Die Gäste, die dort für wenige Stunden den Irrungen der modernen Zeit entfliehen möchten, sind, was ihre Profession angeht, durchaus mannigfaltig ausgestaltet.
Wenn einem also die Ausführungen des emeritieren Professors für Molekularbiologie an der Bar zu theorielastig sind, setzt man sich geschwind zu dem eher simpel gestrickteren Kulturschaffenden am Nebentisch und lauscht seinen Auslegungen zu den epochemachenden Aufsätzen von Bentham und Mill.
Die Einrichtung ist - genau wie die Ausrichtung der Getränkekarte - klassisch französisch mit stellenweise sehr erfrischenden anglo-amerikanischen Einflüssen, besonders hervorheben möchte ich hierbei die eigens durch die Wirtin gefertigten Epoxy-Tischplatten. Ein weiterer Beweis für die Vielseitigkeit an Talenten, mit der die Hausherrin aufwarten kann.
Ob Speisen in diesem Kleinod gereicht werden, ist mir nicht bekannt, ich konzentrierte mich bei meinem ersten Besuch ausschließlich auf die flüssigen Erzeugnisse, werde mich aber bei meinen nächsten Besuch, der in naher Zukunft stattfinden wird, auch davon gerne überraschen lassen.
Kurzum, endlich mal wieder ein Ort, an dem man Mensch sein! Ich beschließe meine Ausführungen mit den Worten meines Vorredners: Als Gast gekommen, als Freund gegangen!